6 Missverständnisse zur bindungs- & beziehungsorientierten „Erziehung“

Immer mehr Eltern wollen es anders machen und weichen von der klassischen Erziehung ab. Die Gesellschaft und die Werte wandeln sich. Und wie das so ist entwickeln sich rasch Namen für den „neuen Stil“.

In so manch einem Forum oder einer Facebookgruppe wird man geradezu erschlagen mit und von neuen „Modewörtern“ die „den neuen Erziehungsstil“ betiteln sollen. Auch Reportagen, Zeitungen und Magazine werfen sie gerne (zumeist noch negativ) in den Raum:

Unerzogen

Bedürfnisorientiert

Laissez faire

Antiautoritär

Bindungsorientiert

Beziehungsorientiert

Attachment Parenting

(…)

Für viele gehört das alles in einen Topf.

Für mich nicht. Und einige Begriffe gehören für mich sogar so ganz und gar nicht zusammen. Bindungs- & beziehungsorientiert ist zum Beispiel nicht automatisch bedürfnisorientiert und auch nicht „unerzogen“. Schon gar nicht ist es Laissez faire oder antiautoritär.

Neben dem „Begriffs-Wirrwarr“ stiften auch die Annahmen und Vorurteile zum bindungs- & beziehungsorientierten Umgang einige Verwirrung. Sie beruhen auf klassischen Missverständnissen und falschen Grundannahmen.

Ein paar davon begegnen mir immer wieder:

Bindungs- & beziehungsorientiert ist wieder nur so eine neue Erziehungsmode.

Beginnen wir mit dem wichtigsten: Bindungs- und beziehungsorientiert ist keine Mode, die man kurz lebt und dann mit dem nächsten Trend mit schwimmt. Es ist eine Haltung. Natürlich können neue Erkenntnisse hinzukommen, die Grundhaltung bleibt aber stets die gleiche: Das Kind ist o.k., so wie es ist. Mehr noch: Jeder ist o.k., so wie er ist.

Bindungs- & beziehungsorientiert ist eine (Erziehungs-)Methode.

Wie bereits erwähnt, ist die bindungs- und beziehungsorientierte Art und Weise eine Haltung den Menschen gegenüber. Es ist keine Methode und so gibt es auch nicht Lösung X für „Problem“ Y. Jede Familie, jede Situation und jeder Hintergrund ist individuell. Das ist übrigens auch der Grund warum Methoden so selten funktionieren: Sie sind nicht individuell genug.

Man kann sich kein bindungs- und beziehungsorientiertes Buch kaufen und dann das Gelesene 1 zu 1 so anwenden. Es sei denn, man ist Familie Muster aus Musterstadt.

Bindungs- & beziehungsorientiert ist eine Garantie für Tyrannen und „verzogene“ Kinder

Oft wird mit der Angst gearbeitet, dass der Verzicht auf die klassische Erziehung Kinder hervorbringt die nur noch machen was sie wollen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Wer Wertschätzung und Achtung erfährt, der hat keinen Grund anderen tyrannisch und abwertend zu begegnen. Vielmehr ist es so, dass Kinder immer kooperieren wollen (das hat die Evolution clever gelöst- denn immerhin sind Kinder von Erwachsenen abhängig). Wenn Kinder nicht kooperieren, so hat das einen Grund. Bei Erwachsenen übrigens auch.

Bindungs- & beziehungsorientiert geht nur mit einem, höchstens zwei Kindern

Auch ein gern angeführtes Argument ist, dass man nicht die Zeit hat auf mehrere Kinder so individuell einzugehen. Fakt ist aber: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Nur weil Geschwister hinzukommen ist das Kind nicht weniger wert. Und: Kinder deren Bedürfnisse gesehen und geachtet werden geben dieses auch weiter. Am Ende kann es sogar gerade mit vielen Kindern einfacher sein.

Bindungs- & beziehungsorientiert bedeutet nur zu machen was das Kind will und immer gleich zu springen

Natürlich zählen auch die Eltern – und alle anderen – als Person und mit ihren Bedürfnissen. Niemand sollte sich aufopfern. Bei Wünschen sofort zu springen hat nichts damit zu tun die Bedürfnisse von jemandem ernst zu nehmen. Eltern sind kein Servicepersonal. Darum gilt es klar zu erkennen: Was ist ein Bedürfnis des Kindes was es sich nicht selbst erfüllen oder regulieren kann und was ist ein Wunsch? Wünsche können erfüllt werden, wichtige Bedürfnisse sollten erfüllt werden.

Bindungs- & beziehungsorientiert ist ein Umgang mit Kindern

Ich hatte es oben schonmal kurz erwähnt: Der bindungs- & beziehungsorientierte Umgang ist eine Haltung zum Leben und zu Menschen. Er hört nicht bei Erwachsenen auf. Gerade auch einer Partnerschaft tut diese Haltung gut. Allzu oft erlebe ich Menschen die ihre Kinder nicht mehr klassisch erziehen, dafür aber sehr wohl den Partner. Mal abgesehen davon, dass dies der Partnerschaft nicht gut tut gilt der bindungs- & beziehungsorientierte Blick für alle Menschen: Groß & Klein.

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